Wege zum Abschied

 

“Wir ziehen um…”damit fängt es meistens an. Wenn Freunde uns erzählen, dass sie bald wegziehen, dass unsere gemeinsame Zeit bald ein Ende haben wird. Und wir fangen an uns auf den Abschied, das “letzte Mal…(gemeinsam Kaffee trinken/ ausgehen / einen Ausflug machen /treffen…)” vorzubereiten. Je mehr Zeit wir haben, umso mehr Energie können wir darin investieren, es “gut” zu tun.

In ihrem Buch “Third Culture Kids”, raten Ruth van Reken und David Pollock ein R.A.F.T. zu bauen – ein Floß:

Mit Reconciliation/ Versöhnung bedeuten sie, die ungeklärten Angelegenheiten zu lösen. Es geht darum, auf die Menschen zuzugehen, mit denen man noch Dinge ins Klare bringen sollte. Viele Menschen sehen in ihrem Weggehen eine Chance, dieser Art Situationen endgültig entfliehen zu können, doch sind problematische Angelegenheiten, die man nicht geklärt hat auf lange Sicht nur “Ballast” und sie hindern einen daran, am neuen Ort unbefangen einen glücklichen und leichte(re)n Start zu haben. – Vielleicht ist das der Nachbar, mit dem man Zwist hat, die Freundin, die sich von einem abgewandt hat, der Kollege, der immer recht schnippisch war. Wenn man noch einmal auf diese Menschen zu geht, und sei es nur um ihnen mitzuteilen dass man geht, und ein freundliches Wort wechselt: man wird mit einem viel leichteren Gefühl gehen können. Und man schließt ab. Man schließt ab mit ihnen, dem Zwist oder der Angelegenheit, und kann getrost einen Strich ziehen. – Dies alles gilt auch für Kinder, doch sie sind oft auf unsere Hilfe angewiesen, denn dieser Aspekt des Abschiednehmens erfordert einen hohen Grad an Selbstüberwindung und Einsicht. Natürlich muss man niemanden zwingen, dem anderen gegenüber zu treten. Vielleicht tut es auch ein Brief, eine Geste. Doch wichtig ist, diese Dinge anzusprechen und über mögliche Weisen nachdenken, diese Zeit zu einem guten Abschluss zu bringen.

Affirmation / Bestätigung : Hier geht es darum, all denjenigen, die unser Leben besonders angenehm und erinnerungswürdig gestaltet haben, zu danken, und ihnen dies auch klar und deutlich mitzuteilen. Es sind Freunde, Lehrer, Schüler, Arbeitskollegen, Nachbarn… Wir können uns kurz Zeit nehmen und uns vor Augen führen, was diese Person gemacht hat, das uns so viel bedeutet. In wie weit ihr Handeln oder was sie uns gesagt hat, Eindruck auf uns gemacht hat. Welche ihrer Eigenschaften nehmen wir mit uns? Was hat uns diese Person beigebracht?  Wodurch hat sie uns zu einem besseren Menschen gemacht? Was ist es, das wir von ihr vermissen werden? – Anhand solcher Fragen können wir auch unseren Kindern helfen, die Zeit am alten Ort durch diese Erfahrungen zusammenzufassen. Auch die Frage “was möchte ich von dieser Person mitnehmen?” ist hilfreich, denn vielleicht möchten wir noch etwas Zeit mit ihr verbringen, Fotos von ihr (mit uns) machen, sie um einige Zeilen bitten. Was es auch sei: es ist wichtig, den Personen die uns wichtig sind, auch das Gefühl zu vermitteln, dass sie uns auch fehlen werden. Denn zurück zu bleiben ist manchmal gar schlimmer als zu gehen…

Farewells / Abschiede sollte man immer genug Zeit einräumen und, wenn möglich, feiern! Und zwar sollte man sich von Leuten, Haustieren, Orten und Eigentümern verabschieden (den sogenannten “four p’s: persons, pets, places and possessions), die man zurücklassen muss. Man kann die Momente in Bildern, Filmen festhalten und als Andenken “mitnehmen”.

Abschied zu nehmen ist nie leicht. Sie tun psychisch und physisch weh. Viele vermeiden es, Abschied zu nehmen, um nicht diesen Schmerz zu emfinden, um nicht traurig zu werden. Doch Vermeidung ist nicht “gesund”. Man wird es früher oder später bereuen. Der Schmerz wird bleiben, angespannte Verhältnisse verschwinden nicht nur weil wir weggehen. Sie bleiben und werden an die Oberfläche kommen, wenn wir es am wenigsten erwarten.

Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können.

(Anatole France (1844-1924))

Wenn Tränen des Abschieds nach Freundschaft schmecken und vertraute Augen leise zu dir sprechen:

wir sind füreinander da, beginnt das Neue mit einem Lächeln.

Abschied ist immer ein wenig Sterben. Partir, c’est toujours mourir un peu.

Nicht jeder leidet auf die gleiche Weise und zur gleichen Zeit. Wie Wilhelm Busch so schön sagte: “Meistens hat, wenn zwei sich scheiden, einer etwas mehr zu leiden.” Jede beteiligte Person wird auf ihre sehr persönliche Art und Weise “leiden” und auch darauf reagieren. Manche werden sogar agressiv oder “sehr herausfordernd”. Doch sind diese Art Reaktionen ein Ausdruck tiefer Traurigkeit. Durch diese Art Benehmen schieben sie die anderen von sich weg. Sie meinen (meist unbewusst!), dass wenn sie einen ärgern oder verletzen, man sie nicht vermissen wird und, wenn man sie ärgert oder verletzt, es ihnen die Trennung auch leichter fällt. Doch ist das ein Trugschluss. Nur leider wird man sich dessen meist erst zu spät bewusst. Und dann hat man lange mit zu kämpfen.

Wenn Menschen auseinandergehen, so sagen sie: auf Wiedersehen!

Ernst von Feuchtersleben (1806-1849)

Think Destination / Denke an das Ziel: Ja, man habe auch das Ziel vor Augen. Das Hin- und Herwechseln zwischen jetzt und später hilft einem auch, sich auf das Neue einzustellen, sich darauf zu freuen. Wie wird das neue Zuhause aussehen? Wie sieht der Arbeitsweg/Schulweg aus? Wird man mit dem Rad/Auto/Bus… fahren? Was gibt es da zu essen, wie schmeckt es, wie riecht es? Sich mit allen Sinnen in das neue Leben hereinversetzen, es “visualisieren”, hilft auch Abschied zu nehmen von dem, was man bisher als “normal” und “alltäglich” betrachtet hat. Es ist eine spannende Erfahrung, die notwendig ist, um sich positiv auf das Neue einzustellen und das Alte mit einem Lächeln (und einer Träne im Auge) zu verlassen.

Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.

Laotse (6. Jh.v.Chr.)

Abschied ist ein Prozess, kein Moment. Und während dieses Prozesses pendelt man immer zwischen gestern, heute und morgen hin und her. Man betrachtet was war und ist, aus neuer Perspektive, und was kommt wird immer deutlicher und greifbarer.

Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

***

Ich möchte Weltenbürger sein, überall zu Hause und überall unterwegs.

Erasmus von Rotterdam (vermutl.1466-1536)

Im Grunde genommen nehmen wir kontinuierlich Abschied. Jede Minute die vergeht. Und alles verändert sich ständig, wir sehen es vielleicht nur nicht so genau und empfinden es nicht so intensiv, wie wenn wir umziehen, in ein anderes Land, in die Ferne oder wenn andere größere Veränderungen in unserem Leben anstehen.

Ein Vogel will sich in die Luft erheben, selbst wenn sein Käfig golden wär.

Ein Fluss gräbt sich seinen Weg ins Meer, selbst wenn ihn Dämme hindern wollten.

Khalil Gibran (1883-1931)

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Der ist reich, dem das Leben die Abschiede schwer machte.

Alfred Grünewald (1884-1942)

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